architektur vorarlberg 2025

keinerlei Unfälle an diesen Stellen verzeichnet wurden. Das gleiche gilt für Parapethöhen bei Fenstern, die plötzlich nicht mehr ausreichen. Oder ein anderer Punkt: die Barrierefreiheit im geförderten Wohnbau. Würde es nicht reichen, wenn eine gewisse Anzahl von Einheiten barrierefrei gebaut wird anstatt wirklich alle? Was wären verzichtbare Normen bei einem Neubau? Die OIB-Normen (Anm.: Normen des Österreichischen Instituts für Bautechnik), die Standsicherheit-, Brandschutz-, Gesundsheitsschutz und Naturschutzregeln. Aber darüber hinaus gibt es sehr viele Normen für die Gewerke, die im Einzelnen oft fragwürdig sind. Die Dichtungsnorm (Anm.: ÖNORM B 3692) zum Beispiel. Betrachten wir die doppelte Dichtung des Badezimmers: Mir ist lieber, wenn es bei einer undichten Stelle unterhalb tropft, als drei Räume weiter im Wohnzimmer, weil das Wasser nirgends hin kann. Oder ein anderer Klassiker ist die Entwässerungsrinne bei Terrassentüren (Anm.: ÖNORM B 3691), die man einbauen muss, auch wenn da – z.B. wegen einer Auskragung – nie Wasser hinkommen kann. Und beim Gebäudetyp „e“ wäre man nicht gezwungen alle Normen zu erfüllen? Es ist sicher nicht das Ziel, dass jeder Häuslebauer mit seiner Eigenplanung kommt und wesentliche Bestandteile eines Entwurfs einfach weglassen will. Aber es soll möglich sein, dass der Architekt, der die Verantwortung für ein Bauvorhaben hat, sich zusammen mit dem Bauherren bewusst im Rahmen der OIB-Normen für eine einfache Bauweise entscheidet. Aktuell kann man auch zivilrechtlich entsprechende Vereinbarungen mit einem Bauherren treffen und was die doppelte Dichtung im Badezimmer betrifft, machen das auch viele. Allerdings ist der Aufwand in solchen Fällen natürlich größer, beispielsweise sind Abstimmungen mit der Versicherung und andere organisatorische Schritte notwendig. Welche Rolle spielt die Haustechnik beim Einfachen Bauen? Hier sehe ich ein deutliches Potential für Einsparungen bereits in der Gebäudeerrichtung. Es ist wenig sinnvoll, ein Gebäude vollständig abzudichten und eine komplexe Lüftungsanlage zu installieren, wenn anschließend trotzdem regelmäßig über die Fenster gelüftet wird – einfach weil es der Gewohnheit entspricht. Auch bei dem Thema Beleuchtung darf man pragmatisch bleiben. Es spricht nichts dagegen, das Licht ganz klassisch mit dem Schalter einzuschalten, anstatt dafür das Handy zu benutzen. Was kann Einfach Bauen gestalterisch bedeuten? Es gibt den Architekten sicher mehr Spielraum. Wenn man sich die Häuser in Bad Aibling anschaut, fallen die gewählten Rundbögen bei den Fenstern der Häuser auf. Sie wurden in Mauerwerk oder Leichtbeton errichtet, weil sich Rundbögen mit diesen Materialien besonders gut herstellen lassen. Auch früher wurde so gearbeitet. Einfach Bauen heißt materialgerechtes Bauen: Aus dem gewählten Material entsteht die Form. Das Gespräch führte Peter Oberdorfer Link: Das Positionspapier der Kammern der Ziviltechniker:innen: https://www.arching.at/fileadmin/user_upload/BK_Einfach_ Bauen_PP_V2.pdf Bebilderung: Das Gartenhaus von Florian Nagler Es handelt sich dabei um ein Wohn- und Bürogebäude, das der Architekt für sich selbst im Münchner Stadtteil Pasing errichtet hat. Hier verzichtete er komplett auf Zement, Beton und Gipskarton. Anstatt eines Betonfundaments gibt es drei Meter lange Schraubfundamente aus verzinktem Stahl. Darauf sitzt ein Rost aus Massivholz. Das 2023 realisierte Projekt erprobt das Konzept des Einfachen Bauens im Bereich gemischter Nutzung und im Kontext städtischer Nachverdichtung. Interview Foto: © Thomas Steinlechner Foto: © Schels & Lanz 11

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