Einfach kompliziert Über einen möglichen Ausweg aus der unübersichtlichen Regulierung des Bauens Die Kammern der Ziviltechniker:innen haben zum Thema „Einfach Bauen” ein Positionspapier präsentiert. Im Gespräch mit architektur vorarlberg erklärt DI Carmen Schrötter-Lenzi, Vorsitzende der Sektion Architekt:innen bei der Kammer der Ziviltechniker:innen für Tirol und Vorarlberg, worum es dabei geht. „Einfach bauen” war ursprünglich der Name eines Forschungsprojektes in Bad Aibling, Bayern. Dabei wurden 2020 nach den Plänen des Architekten und Professors an der TU München Florian Nagler drei Wohnhäuser (aus Leichtbeton, Mauerwerk und in Holzhybridbauweise) nebeneinander errichtet, mit dem Ziel außerhalb geltender Normen einfache, robuste und nachhaltige Bauweisen zu erproben und wissenschaftlich zu evaluieren. Um experimentelle Bauvorhaben dieser Art künftig zu erleichtern, wurde über eine Initiative der Bayerischen Architektenkammer der Art. 64 der Bayerischen Bauordnung geändert. Dadurch werden „zur Erprobung von neuen Bau- und Wohnformen” Ausnahmen von geltenden Normen ermöglicht. Der neue Gebäudetyp, für den diese Ausnahmen gelten sollen, nennt sich „Gebäudetyp e” und das „e“ steht gleichermaßen für „einfach” und für „experimentell”. Der Architekt Florian Nagler ließ sich bei seiner Arbeit unter anderem auch vom „Haus 2226” des Vorarlberger Büros Baumschlager Eberle in Lustenau inspirieren, das bekanntlich ohne Heizung, Lüftung und Kühlung auskommt. Aktuell gibt es in Österreich eine Initiative der Kammern der Ziviltechniker:innen, die auf Bundes- und auf Länderebene eine ähnliche Entwicklung wie in Bayern in Gang bringen möchte. Für die Kammer der Ziviltechniker:innen für Tirol und Vorarlberg hat sich Carmen Schrötter-Lenzi, Sektionsvorsitzende der Architekt:innen, des Themas angenommen. Wird es auch in Österreich so etwas wie einen Gebäudetyp „e“ geben? Wir sind aktuell dabei, mit den einzelnen Bundesländern Gespräche zu führen. Das Bauwesen ist ja auf Länderebene geregelt, da ist man in unterschiedlichen Ländern unterschiedlich weit. Außerdem muss von Juristen geklärt werden, ob nicht auch auf Bundesebene Haftungsfragen geregelt werden müssen, um zum Beispiel zu vermeiden, dass es in einem Schadensfall oder bei einem Eigentümerwechsel zu Problemen kommt, die man über die einzelnen Bauordnungen nicht in den Griff bekommt. Weiters geht es darum, ähnlich wie in Bayern Pilotprojekte zu initiieren. Dafür muss man Bauträger finden, die in Abstimmung mit den Behörden bereit sind, experimentelle Bauprojekte mitzutragen und einfaches Bauen auszuprobieren. In Vorarlberg zum Beispiel haben wir mit einem Bauträger ein Erstgespräch vereinbart, der Interesse an der Entwicklung zeigt. Die Auswertung des Projekts in Bad Aibling ergab, dass eine schnelle Senkung der Errichtungskosten eines Gebäudes eher nicht zu erwarten ist. Hier ist es ganz wichtig, den Lebenszyklus eines Gebäudes zu betrachten. Dass die Errichtungskosten kurzfristig im großen Stil gesenkt werden können, glaube ich auch nicht. Aber diese sind ja nur ein Teil von den Gesamtkosten, die in der gesamten Lebensspanne eines Gebäudes anfallen. Man kann bei einem Verzicht auf überbordenden Aufwand, Betriebskosten verringern und künftige Sanierungen unkomplizierter und günstiger machen. Auch bei den Abrisskosten macht es einen Unterschied, ob ich mehrere Schichten und Folien an Abdichtungsmaterial abnehmen muss, oder ob das Gebäude auch einfach rückgebaut und das Material wieder verwendet werden kann. Was das Bauen im Bestand betrifft, schätze ich ein, dass bei einer Änderung dessen, was unter „Stand der Technik” verstanden wird, Kostensenkungen möglich sind. Wie groß das Einsparungspotential ist, hängt von den konkreten Änderungen der Anforderungen ab. Um belastbare Zahlen zu bekommen, bräuchten wir Pilotprojekte, die genau analysiert werden. In welchem Bereich der Architektur kann Einfaches Bauen sinnvoll sein? Was die Nutzung betrifft, vor allem im Bereich des Wohnbaus. Weil es ja auch prinzipiell darum gehen soll, den Wohnbau zu unterstützen. Ansonsten ist ein wichtiger Anwendungsbereich des Einfachen Bauens das Bauen im Bestand. Wenn man im Sanierungsfall ein altes Gebäude an die heute herrschenden Standards nachträglich anpassen muss, bedeutet das einen großen Aufwand, der im Ergebnis dazu führt, dass viele Häuser gar nicht saniert, sondern abgerissen werden. Hier müssen wir uns die Frage stellen: Wollen wir in der heutigen Zeit so mit unserer Bausubstanz umgehen? Kannst du mir ein paar Beispiele für fragwürdige Normen in diesem Bereich nennen? Beispiel Stiegengeländer: Die müssen heute höher sein als früher, auch die Abstandsvorschriften bei Staketengeländern haben sich laufend verändert. Und man muss oft wunderschöne gusseiserne Geländer entfernen, weil sie nach heutigen Sicherheitsvorschriften als nicht ausreichend hoch gelten, obwohl über Jahre hinweg Interview Foto: © Schels & Lanz 10
RkJQdWJsaXNoZXIy MjUzMzQ=