Interview Bauprojekte scheitern selten am Material Ein Gespräch über Herausforderungen im Baumanagement Wo sehen Sie aktuell die größten Herausforderungen in der frühen Projektphase – insbesondere in Bezug auf Kostenkontrolle, Finanzierungspartner und Abstimmungsprozesse? Die größte Herausforderung liegt heute eindeutig in der frühen Synchronisation aller Projektbeteiligten. Gerade weil Investitionsvolumen und Zeitdruck steigen, entscheidet die Qualität der Vorbereitung über den späteren Verlauf. Wir sehen häufig, dass finanzielle Rahmenbedingungen wie Kreditvolumen, Zahlungsmodalitäten oder Genehmigungsprozesse zu spät finalisiert werden. Das führt zu Unsicherheiten und Nachverhandlungen. Ein professionelles Baumanagement schafft hier Ordnung: Wir koordinieren Finanzierungspartner, Planer und Bauherren so früh wie möglich, damit Kostenrahmen, Zeitpunkte und Spielregeln eindeutig definiert sind. Das reduziert Risiken erheblich und spart in der Realität oft mehr, als in der Bauphase möglich ist. Die Branche erlebt hohe Auslastung, enge Zeitfenster und komplexe Gewerkeabhängigkeiten. Welche Rolle spielt eine strukturierte Projektsteuerung heute und welche Fehler erleben Sie in der Praxis, wenn Transparenz und klare Prozesse fehlen? Heute ist es wichtiger denn je, klare Strukturen und Transparenz im Projektablauf zu schaffen. Gerade in Zeiten hoher Auslastung der Gewerke ist ein verbindlicher Bauablaufplan unverzichtbar. Wenn Abstimmungen fehlen oder Entscheidungen nicht dokumentiert werden, entsteht ein Dominoeffekt: Lieferketten verzögern sich, Gewerke stehen still und Kosten steigen. Durch eine systematische Projektsteuerung halten wir alle Beteiligten auf Kurs – mit nachvollziehbaren Prozessen, regelmäßigen Abstimmungen und belastbaren Entscheidungswegen. Digitale Tools helfen, aber entscheidend bleibt die Erfahrung, Prioritäten richtig zu setzen und im Problemfall schnell zu reagieren. Der zunehmende Fachkräftemangel und eine geringere Bereitschaft zu Überstunden wirken sich spürbar auf Bauzeiten aus. Wie kann Baumanagement dazu beitragen, realistische Zeitpläne zu erstellen – und wo liegt aus Ihrer Sicht der größte Hebel, um Verzögerungen und Mehrkosten zu vermeiden? Der Fachkräftemangel und die geringere Bereitschaft zu Wochenend- oder Überstundenarbeit machen Zeitmanagement zu einem kritischen Erfolgsfaktor. Die größte Hebelwirkung liegt darin, von Anfang an realistisch zu planen und Kapazitäten der Firmen ehrlich abzubilden. Wir achten darauf, Pufferzeiten einzubauen, Abhängigkeiten zwischen Gewerken sichtbar zu machen und Engpässe frühzeitig zu identifizieren. So lassen sich Verzögerungen vermeiden, Nachträge reduzieren und Mehrkosten verhindern. Ein guter Zeitplan ist kein theoretisches Dokument, sondern ein täglich gelebtes Steuerungsinstrument. Sie sagen, Kommunikation entscheide am Bau über Erfolg oder Misserfolg. Welche Kommunikationsstrukturen sind heute unbedingt notwendig und wie sorgt professionelles Baumanagement dafür, dass Konflikte früh erkannt und gelöst werden? Bauprojekte scheitern selten am Material – aber sehr oft an Kommunikation. Deshalb legen wir großen Wert auf klare Informationsflüsse, regelmäßige Baubesprechungen und dokumentierte Entscheidungen. Wichtig ist die Offenheit, Probleme frühzeitig anzusprechen. Ein professionelles Baumanagement sorgt dafür, dass Konflikte sichtbar werden, bevor sie Kosten verursachen. So entsteht ein Klima der Transparenz und Verlässlichkeit, das für komplexe Bauprojekte unverzichtbar ist. Michael Pichler ist Leiter des Bereiches Baumanagement in der HGV-Unternehmensberatung in Bozen. HGV bietet ein umfassendes Leistungspaket von der Konzept- und Marketingberatung über die Finanzierung und Nachhaltigkeit bis hin zum Baumanagement. Foto: © HGV 15
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